Eine alte Sage aus dem Montafon
Im Montafon stand einmal ein wichtiger Steg über die Ill, der bei einem Unwetter weggerissen worden war. Die Leute baten den Zimmermann des Dorfes, eine neue Brücke zu errichten. Doch der schüttelte den Kopf: „In drei Tagen eine Brücke über die wilde Ill? Das mag der Teufel zustande bringen — ich nicht."
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, stand ein fremder Mann neben ihm — schwarz gekleidet, mit funkelnden Augen. „Ich baue dir die Brücke in drei Tagen", sprach er. „Aber als Lohn will ich die erste Seele haben, die hinüber geht."
Der Zimmermann erschrak, doch nach langem Hin und Her schlug er ein. In der dritten Nacht stand die Brücke fertig da, Stein auf Stein, fest und schön wie keine andere im Tal. Der Teufel wartete am gegenüberliegenden Ufer auf seine Seele.
Der Zimmermann aber war ein schlauer Mann. Er hatte eine alte Ziege mitgebracht, gab ihr einen kräftigen Stoß und trieb sie als erstes Wesen über die neue Brücke. „Da hast du die erste Seele aus meinem Haus!", rief er hinüber.
Der Teufel brüllte vor Zorn, sprang nach dem Tier, erwischte aber nur den Schwanz. Mit einem Riss blieb ihm das Schwänzchen in der Hand — und die Ziege rannte davon. Seither, so erzählt man, haben alle Ziegen so kurze Schwänze. Die Brücke aber stand noch viele Menschenalter, fest und unverwüstlich.
📚 Quelle & Lizenz:
Überliefert in: Franz Josef Vonbun, „Die Sagen Vorarlbergs nach schriftlichen und mündlichen Überlieferungen", Innsbruck 1858 — gemeinfrei (Autor † 1870).
Originaltext digital: Internet Archive · Projekt Gutenberg DE.
Diese Fassung: Nacherzählung in moderner Sprache.